206_skript_grenzwerte.pdf 301_skript_ableitung.pdf302_skript_ableitungen_skizzieren_und_berechnen.pdf303_skript_graphenanalyse_und_optimierung.pdf 304_skript_differentiationsregeln_I.pdf 305_skript_differentiationsregeln_II.pdf

1. Folgen und Reihen

Dieses Kapitel behandelt die Grundlagen von Folgen und Reihen als geordnete Listen von Zahlen und deren Summen1111.

1.1. Folgen (Sequences)

  • Definition (Intuitiv): Eine Folge ist eine Anordnung von Zahlen (Gliedern), die nach einer bestimmten Regel oder Formel gebildet wird2.

  • Definition (Formal): Eine (reelle) Folge  ist eine Funktion , die jedem Index  eine reelle Zahl  zuordnet3.

  • Notation:  bezeichnet die Folge 4.

  • Darstellungsformen:

    • Explizit: Eine direkte Formel für das -te Glied, z.B. 5555.

    • Rekursiv: Angabe eines Startwerts (z.B. ) und einer Rekursionsformel, die  mittels (oder früheren Gliedern) definiert6.

      • Beispiel (Fakultät):  und 7. Dies ergibt die explizite Formel 8.

1.2. Reihen (Series)

  • Definition: Eine Reihe entsteht durch die schrittweise Addition der Glieder einer Folge9.

  • Partialsumme: Die Reihe ist formal die Folge der Partialsummen 10101010.

  • Notation: Die -te Partialsumme ist 11.

1.3. Arithmetische Folgen und Reihen

  • Arithmetische Folge: Die Differenz  zwischen aufeinanderfolgenden Gliedern ist konstant: 12.

    • Explizite Formel: 13.
  • Arithmetische Reihe: Die -te Partialsumme ist:

    14

1.4. Geometrische Folgen und Reihen

  • Geometrische Folge: Der Quotient  zwischen aufeinanderfolgenden Gliedern ist konstant: 15.

    • Explizite Formel: 16.
  • Geometrische Reihe: Die -te Partialsumme ist (für ):

    17


2. Grenzwerte (Limits)

Grenzwerte beschreiben das Verhalten von Folgen (und später Funktionen), wenn sich der Index  (oder die Variable ) einem Wert annähert, oft 18.

2.1. Konvergenz von Folgen

  • Intuitiv: Eine Folge konvergiert gegen einen Grenzwert , wenn sich die Glieder der Folge diesem Wert “beliebig nahe” annähern19.

  • Formale Definition: Eine Folge  hat den Grenzwert (Limes) , wenn zu jeder (beliebig kleinen) Zahl  ein Index  existiert, sodass für alle  gilt: 20.

  • Notation:  oder  für 21.

  • Konvergenz: Eine Folge heißt konvergent, wenn eine solche reelle Zahl  existiert22.

  • Beispiele:

    • 23.

    • 24.

    • , falls 25252525.

2.2. Grenzwertsätze (Limit Laws)

Wenn  und  konvergente Folgen sind, gilt 26:

  • Summe: 27.

  • Allgemein: Der Limes respektiert alle vier Grundrechenarten (Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division)28282828.

  • Vorsicht bei Division: Für  muss zusätzlich  und gelten29.

  • Trick: Bei Brüchen von Polynomen in  wird oft mit der höchsten Potenz des Nenners gekürzt/erweitert30.

    • Beispiel: 313131313131313131.

2.3. Grenzwerte von Reihen

  • Arithmetische Reihe: Konvergiert nur im trivialen Fall, dass  und 32.

  • Geometrische Reihe: Konvergiert, falls 33. Die unendliche Summe ist:

    34

  • Beispiel (Zenons Paradox): Achilles holt die Schildkröte ein, weil die unendliche Summe der Vorsprünge  eine konvergente geometrische Reihe ist35353535. Die Gesamtstrecke ist endlich: 36.


3. Die Ableitung (The Derivative)

Die Differentialrechnung ist das Werkzeug, um die “Geschwindigkeit” oder momentane Änderungsrate einer Funktion zu bestimmen37373737.

3.1. Konzept: Von der Sekante zur Tangente

  • Die zentrale Idee ist, die momentane Änderungsrate (z.B. Momentangeschwindigkeit) zu finden383838.

  • Dies wird erreicht, indem man die durchschnittliche Änderungsrate (z.B. Durchschnittsgeschwindigkeit) über ein immer kleiner werdendes Intervall  betrachtet39393939.

  • Geometrisch: Die Steigung der Sekante (Linie durch zwei Punkte  und ) nähert sich der Steigung der Tangente (Linie, die den Graphen an einem Punkt  berührt), wenn der Punkt  auf “zuwandert”40404040.

3.2. Der Differenzenquotient

  • Der Differenzenquotient ist der formale Ausdruck für die durchschnittliche Änderungsrate41414141.

  • Er ist die Steigung der Sekante durch die Punkte  und 42.

  • Formeln:

    •  43

    •  (wobei ) 44

3.3. Formale Definition der Ableitung

  • Die Ableitung (auch Differentialquotient genannt) ist der Grenzwert des Differenzenquotienten, wenn das Intervall gegen Null geht 45.

  • Definition:

    46

  • Bedeutung:  ist die momentane Änderungsrate von  an der Stelle  bzw. die Steigung der Tangente an den Graphen im Punkt 47.

  • Differenzierbarkeit: Eine Funktion heißt an der Stelle  differenzierbar, wenn dieser Grenzwert existiert48.

    • Gegenbeispiel:  ist an  nicht differenzierbar, da der linksseitige Grenzwert (-1) und der rechtsseitige Grenzwert (+1) nicht übereinstimmen49494949.

3.4. Die Ableitungsfunktion und höhere Ableitungen

  • 1. Ableitung (): Die Funktion , die jeder Stelle  ihre Ableitung  zuordnet, heißt Ableitungsfunktion50505050.

  • 2. Ableitung (): Da  selbst eine Funktion ist, kann sie erneut abgeleitet werden. Dies ergibt die 2. Ableitung, 51. Notation:  oder 52.

  • n-te Ableitung (): Notation:  oder 53535353.


4. Graphen und Berechnung von Ableitungen

4.1. Die Ableitung skizzieren ()

Der Graph von  kann qualitativ aus dem Graphen von  hergeleitet werden54545454.

  • Nullstellen von : Wo  ein (lokales) Minimum oder Maximum hat (horizontale Tangente), hat  eine Nullstelle55555555.

  • Vorzeichen von  (Positiv/Negativ):

    • Wo  steigt (monoton wachsend), ist  positiv (über der x-Achse)56565656.

    • Wo  fällt (monoton fallend), ist  negativ (unter der x-Achse)57575757.

  • Extrema von :

    • Wo  am steilsten fällt (maximales Gefälle), hat  ein lokales Minimum585858.

    • Wo  am steilsten steigt (maximaler Anstieg), hat  ein lokales Maximum59.

    • Diese Stellen (steilste Steigung/Gefälle bei ) sind die Wendepunkte von .

4.2. Die Ableitung berechnen (via Limes)

Um die Ableitungs_funktion_ zu finden, ersetzt man die feste Stelle  durch eine Variable 60.

  • Prozess:

    1. Stelle den Differenzenquotienten  auf61616161.

    2. Forme den Zähler algebraisch so um, dass  gekürzt werden kann62626262.

    3. Führe den Grenzwertprozess  durch63636363.

  • Beispiel: 

    •  6464

    •  6565

    •  6666

    •  6767

    • 68686868.


5. Differentiationsregeln

Da die Berechnung über den Limes mühsam ist, verwendet man Standardregeln69696969.

5.1. Grundregeln

  1. Konstante Funktion:

    • 70
  2. Faktorregel (Homogenität):

    • 717171
  3. Summenregel (Additivität):

    • 72727272
  • (Diese Regeln bedeuten: Differenzieren ist eine lineare Operation 73).

5.2. Potenz-, Exponential- und Trigonometrische Funktionen

  1. Potenzregel (Power Rule): 

    • Dies gilt für  74, aber auch für negative, rationale und reelle Exponenten75757575.

    • Beispiele: 76. 77.

  2. Exponentialfunktion (Basis ): 

    • Die -Funktion ist ihre eigene Ableitung; ihr Funktionswert ist an jeder Stelle gleich ihrer Steigung78787878.
  3. Exponentialfunktion (Allg. Basis):

    • 79
  4. Trigonometrische Funktionen: (Winkel im Bogenmaß/Radians!) 80

    •  81

    •  82

    •  83

    •  84

5.3. Produkt- und Quotientenregel

  1. Produktregel: 

    • Achtung: Die Ableitung eines Produkts ist nicht das Produkt der Ableitungen85858585.
  2. Quotientenregel:

    • 86

5.4. Die Kettenregel (Chain Rule)

Wird für verschachtelte (verkettete) Funktionen  benötigt87878787.

  •  ist die äußere Funktion ist die innere Funktion88.

  • Regel (“Außen mal Innen”): 

    • Ableitung der äußeren Funktion (ausgewertet an der inneren Funktion) mal der Ableitung der inneren Funktion89898989.
  • Beispiel 1: 

    • Äußere: 

    • Innere: 

    • 90.

  • Beispiel 2: 

    • Äußere: 

    • Innere: 

    • 91.

5.5. Die Umkehrregel und ihre Anwendungen

Wird zur Ableitung von Umkehrfunktionen () verwendet92.

  1. Umkehrregel: Wenn , dann

    • 93

    • Der Beweis folgt aus  und beidseitigem Ableiten mit der Kettenregel:  94.
  • Anwendungen:

    • Logarithmus: . Inverse ist .

      • 95.

      • Satz:  und 96.

    • Wurzelfunktion: . Inverse ist .

      • 97.
    • Arkusfunktionen: . Inverse ist .

      • 98989898.

      • Satz: 99.


6. Anwendungen der Differentialrechnung

Ableitungen dienen als “Diagnoseinstrument” zur Analyse von Funktionen und zur Lösung von Optimierungsproblemen100.

6.1. Graphenanalyse (Kurvendiskussion)

Analyse der Kurvenform einer Funktion  mittels  und 101.

Eigenschaft von fBedingung
Monotonie
Streng monoton wachsend
Streng monoton fallend
Krümmung (Konkavität)
Linksgekrümmt (konkav hoch)
Rechtsgekrümmt (konkav runter)
Extremstellen (Min/Max)
Notwendige Bedingung
Hinreichend: Lokales Minimum
Hinreichend: Lokales Maximum
Wendepunkt (Krümmungswechsel)
Notwendige Bedingung
Hinreichende Bedingung
Sattelpunkt (Terrassenpunkt)
DefinitionWendepunkt mit horizontaler Tangente 111
Hinreichende Bedingung

Checkliste Graphenanalyse

  1. Definitionsmenge und Symmetrien bestimmen113.

  2. Achsenschnittpunkte: Nullstellen () und -Achsenabschnitt ()114.

  3. Ableitungen  berechnen115.

  4. Extremstellen finden (, mit  testen)116.

  5. Wendepunkte finden (, mit  testen)117.

  6. Verhalten im Unendlichen () und an Polstellen (Asymptoten)118.

  7. Graph skizzieren119.

6.2. Extremwertprobleme (Optimierung)

Ziel ist es, eine Zielgrösse (z.B. Fläche, Distanz) unter bestimmten Nebenbedingungen (Einschränkungen) zu maximieren oder zu minimieren120120120120120120120120120.

Vorgehensweise

  1. Zielgrösse als Funktion aufstellen (oft mit mehreren Variablen), z.B. 121121121.

  2. Nebenbedingung(en) als Gleichung(en) formulieren, z.B. 122122122.

  3. Nebenbedingungen in die Zielgrösse einsetzen, um eine Funktion in einer Variablen zu erhalten, z.B. 123123123.

  4. Extremstellen dieser Funktion finden:

    a. Ableitung bilden: 124124124.

    b. Nullstellen der Ableitung finden: 125.

    c. Art des Extremums mittels 2. Ableitung () bestimmen (oder über Vorzeichenwechsel von )126.

  5. Antwort formulieren (z.B. die minimale Distanz oder die x/y-Werte)127.

Beispiel: Minimaler Abstand (Komet)

  • Problem: Finde den Punkt auf der Parabel , der dem Punkt (Planeten)  am nächsten ist128.

  • Zielgrösse (quadr. Distanz): 129.

  • Nebenbedingung: 130.

  • Zielfunktion (in einer Var.): 131.

  • Ableitungen:

    • 132.

    • 133.

  • Analyse:

    • 134.

    •  Lokales Maximum (!)135.

    •  (Absolutes) Minimum136.

  • Lösung: Die dem Planeten am nächsten gelegenen Punkte sind  (und )137. Der Scheitelpunkt () ist ein lokales Maximum der Distanz138.