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1. Grundlagen der Funktionen (Skript 106)

1.1 Was ist eine Funktion?

  • Alltagsbeispiele: Die Schattenlänge eines Stabes hängt von der Tageszeit ab 1; der Preis einer Ware vom Gewicht 2; die Fallstrecke von der Fallzeit 3; die Blutgruppe von einer Person4. Eine Funktion beschreibt eine Abhängigkeitoder Zuordnung zwischen zwei Größen 55555.

  • Historische Entwicklung: Das Konzept entwickelte sich über Jahrhunderte, von Eratosthenes 6666über Oresme 7bis zu Leibniz (Ende 17. Jhdt.), der den Begriff im Kontext von Kurvensteigungen prägte 8. Euler (18. Jhdt.) lieferte die erste systematische Darstellung und Definitionen, die auf analytischen Ausdrücken oder Abhängigkeiten basierten 999999999.

  • Formale Definition: Eine Funktion  ist eine Zuordnung, die jedem Element  einer ersten Menge  (Definitionsmenge, Inputmenge) genau ein Element  oder  einer zweiten Menge  (Wertemenge, Zielmenge, Outputmenge) zuordnet101010.

    • Die Zuordnung erfolgt nach einer bestimmten Regel oder Formel11.

    • Eindeutigkeit: Jedem  wird nur ein  zugeordnet12. Mehrwertige Zuordnungen (z.B. ) sind keine Funktionen im modernen Sinn13.

    • Es ist jedoch erlaubt, dass verschiedene -Werte auf denselben -Wert abgebildet werden (z.B. mit )14141414.

1.2 Darstellung und Notation

  • Mengendiagramme (“Wolken”): Veranschaulichen die Zuordnung von Elementen aus  zu Elementen in  15. Sie zeigen, dass jedem  genau ein Pfeil entspringt, aber bei einem  mehrere Pfeile ankommen dürfen16. Eine Zuordnung, bei der von einem  mehrere Pfeile ausgehen, ist keine Funktion 17.

  • Funktionsmaschine: Stellt die Funktion als Verarbeitungsprozess dar: Input  wird in die “Maschine” gegeben und zum Output  verarbeitet 181818181818181818.

  • Schreibweisen:

    • Funktionsgleichung:  (z.B. )19191919.

    • Zuordnungsvorschrift:  (z.B. )20.

    • Mit Definitions-/Wertebereich:  (z.B. )21.

    • Funktionswert:  bezeichnet den Output für den Input  (z.B.  für ) 22.

1.3 Wichtige Begriffe (Terminologie)

  • Funktion / Abbildung: Synonyme.

  • : Funktionswert an der Stelle ; Bild von  unter .

  • : Unabhängige Variable; Argument; Urbild von .

  •  (oder ): Abhängige Variable 26.

  • : Definitionsmenge / Definitionsbereich / Domain / Urbildmenge: Menge aller erlaubten Inputs.

  • : Wertemenge / Wertebereich / Codomain / Zielmenge: Eine Menge, die alle möglichen Outputs enthält.

  • Bildmenge / Range: Die Menge aller tatsächlich vorkommenden Funktionswerte . Die Bildmenge ist eine Teilmenge der Zielmenge/Wertemenge.

    • Beispiel: Für  mit  ist  die Zielmenge, aber  die Bildmenge.

2. Lineare Funktionen (Skript 107)

Der einfachste Funktionstyp, dessen Graph eine Gerade ist.

2.1 Definition

  • Eine Funktion  heißt linear, wenn ihre Funktionsgleichung die Form  hat 31.

  •  sind feste Parameter, wobei  (sonst wäre es eine konstante Funktion)32.

  • Lineare Funktionen sind Polynomfunktionen 1. Grades33.

2.2 Der Graph: Die Gerade

  • Der Graph einer linearen Funktion ist immer eine Gerade34343434.

2.3 Bedeutung der Parameter  und 

  • : y-Achsenabschnitt

    •  35.

    • Der Graph schneidet die y-Achse im Punkt 36363636.

  • : Steigung

    • Die Steigung ist das Verhältnis der Output-Änderung () zur Input-Änderung ():  37.

    • Sie gibt an, um wie viel sich der Output  ändert, wenn der Input  um 1 erhöht wird383838383838383838.

    • . Also  39. Daraus folgt .

    • : Gerade steigt (streng monoton wachsend)41.

    • : Gerade fällt (streng monoton fallend) 42.

    • : Horizontale Gerade (konstante Funktion, nicht linear nach Definition hier)43.

    • Eine vertikale Gerade hat keine definierte Steigung () 44444444. Steigung  () bedeutet einen -Winkel 45.

2.4 Typische Aufgaben

  • Graph zeichnen:

    1. Zeichne den y-Achsenabschnitt  ein46.

    2. Gehe von  aus  Einheiten nach rechts und  Einheiten nach oben/unten (Steigungsdreieck)47.

    3. Verbinde die Punkte zu einer Geraden.

    • Alternativ: Berechne zwei beliebige Punkte (z.B. Schnittpunkte mit Achsen) und verbinde sie 484848484848484848.
  • Liegt ein Punkt  auf der Geraden ?

    • Überprüfe, ob  eine wahre Aussage ist 49494949.
  • Funktionsgleichung aus zwei Punkten  und  finden:

    1. Berechne die Steigung:  505050505050505050.

    2. Setze  und die Koordinaten eines Punktes (z.B. ) in  ein und löse nach  auf:  515151515151515151.

    • Alternativ (Punkt-Steigungs-Form): 52525252.
  • Relative Lage zweier Geraden  und :

    • Identisch:  und 53535353.

    • Parallel (echt):  aber 54545454.

    • Schneidend: . Den Schnittpunkt  findet man durch Gleichsetzen: . Löse nach , dann  (oder ) berechnen55555555555555555555555555555555555555555555555555.

    • Orthogonal (senkrecht):  oder  (Steigungen sind negativ reziprok)56565656.


3. Quadratische Funktionen (Skript 108)

Polynomfunktionen 2. Grades, deren Graphen Parabeln sind.

3.1 Definition und Polynomfunktionen

  • Eine Funktion  heißt quadratisch, wenn ihre Funktionsgleichung die Form  hat 57.

  •  sind feste Koeffizienten, wobei  (sonst wäre sie linear) 58.

  • Polynomfunktionen: Funktionen der Form  59.

    • Lineare Funktionen sind Polynomfunktionen 1. Grades 60.

    • Quadratische Funktionen sind Polynomfunktionen 2. Grades 61616161.

3.2 Der Graph: Die Parabel

  • Der Graph einer quadratischen Funktion ist immer eine Parabel62.

  • Normalparabel: Der Graph von  (hier ist )63. Sie ist achsensymmetrisch zur y-Achse und hat ihren tiefsten Punkt im Ursprung64.

3.3 Scheitelpunkt und Symmetrieachse

Jede Parabel  besitzt einen Scheitelpunkt , der entweder der tiefste (Minimum bei ) oder der höchste Punkt (Maximum bei ) ist 65656565656565656565656565656565.

  • Herleitung via quadratisches Ergänzen: Man formt den Funktionsterm um 66:

    Der quadrierte Term  ist immer  und minimal (gleich 0) für  67. An dieser Stelle erreicht  seinen Extremwert.

  • Scheitelpunktkoordinaten:

    68

  • Symmetrieachse: Die Parabel ist achsensymmetrisch zur vertikalen Geraden 696969696969696969. Dies folgt aus  für beliebiges 707070707070707070.

3.4 Einfluss der Parameter 

  • : Öffnungsfaktor und -richtung

    • : Parabel ist gestreckter (schmaler) als die Normalparabel71.

    • : Parabel ist gestauchter (breiter) als die Normalparabel72.

    • : Parabel ist nach oben geöffnet (hat ein Minimum)7373737373737373737373.

    • : Parabel ist nach unten geöffnet (hat ein Maximum)74747474747474747474747474747474.

  • : y-Achsenabschnitt

    • .

    • Die Parabel schneidet die y-Achse im Punkt  75.

  • : Beeinflusst die Lage des Scheitelpunkts (und damit die horizontale Verschiebung)

    • Wirkt sich über  aus. Eine Änderung von  verschiebt die Parabel horizontal und vertikal entlang einer anderen Parabel76767676.

3.5 Nullstellen und Diskriminante 

  • Die Nullstellen (Schnittpunkte mit der x-Achse) sind die Lösungen der quadratischen Gleichung  77.

  • Die Diskriminante  bestimmt die Anzahl der (reellen) Nullstellen 78:

    • : Zwei verschiedene Nullstellen (Parabel schneidet die x-Achse zweimal)79.

    • : Genau eine Nullstelle (der Scheitelpunkt liegt auf der x-Achse)80.

    • : Keine Nullstelle (Parabel schneidet die x-Achse nicht)81.

3.6 Scheitelpunktform

  • Die durch quadratisches Ergänzen erhaltene Form  (hier ) heißt Scheitelpunktform.

  • Sie ist nützlich, um die Gleichung einer Parabel zu finden, wenn der Scheitelpunkt  und ein weiterer Punkt  gegeben sind:

    1. Setze  und  in die Scheitelpunktform ein82.

    2. Setze die Koordinaten  ein und löse die Gleichung  nach  auf 83.

3.7 Anwendungsbeispiele

  • Physik: Flugbahnen (Wurfparabel) 84, Bewegung Energie  85, senkrechter Wurf  86868686. Die Scheitelpunktformel liefert direkt die maximale Höhe und die Zeit bis dahin 87878787.

  • Geometrie: Kreisfläche 88.

  • Kombinatorik: Anzahl Diagonalen im n-Eck 89. Summe der ersten  Zahlen 90.

  • Technik: Parabolantennen, Reflektoren91.

  • Wirtschaft: Gewinnmaximierung (wenn Preis und Kosten quadratisch abhängen)  92. Der Scheitelpunkt der (nach unten geöffneten) Gewinnfunktion gibt die optimale Produktionsmenge und den maximalen Gewinn an 93.


4. Bijektivität und Umkehrfunktionen (Skript 109)

4.1 Motivation und Definition der Umkehrfunktion

  • Motivation: Wenn eine Funktion  einem Input  einen Output  zuordnet (z.B. Fahrenheit zu Celsius), möchte man manchmal den Prozess umkehren: Zu einem gegebenen Output  den ursprünglichen Input finden (z.B. Celsius zu Fahrenheit) 94949494.

  • Definition: Eine Funktion  heißt Umkehrfunktion (oder Inverse) von , wenn gilt 95:

    •  für alle  96 (erst , dann  anwenden führt zurück zu )

    •  für alle  97 (erst , dann  anwenden führt zurück zu )

  • Notation: Die Umkehrfunktion wird mit  bezeichnet98.

    • Achtung:  bedeutet nicht 99999999. Es bezeichnet die Umkehrung bezüglich der Funktionskomposition (, wobei  die Identitätsfunktion ist)100100100100100100100100100.

4.2 Bedingungen für die Umkehrbarkeit: Bijektivität

Nicht jede Funktion besitzt eine Umkehrfunktion.

  • Problem 1 (Nicht-Injektivität): Wenn verschiedene Inputs zum selben Output führen (z.B.  mit ), kann man vom Output (4) nicht eindeutig auf den Input zurückschließen 101.

  • Problem 2 (Nicht-Surjektivität): Wenn die Zielmenge  Elemente enthält, die gar keine Funktionswerte (Bilder) sind, dann ist die Umkehrfunktion für diese Elemente nicht definiert 102.

Definitionen 103: Sei .

  •  heißt injektiv, wenn für alle  gilt: (Verschiedene Inputs haben verschiedene Outputs).

  •  heißt surjektiv, wenn die Bildmenge gleich der Zielmenge  ist (Jedes Element in wird mindestens einmal getroffen).

  •  heißt bijektiv, wenn sie sowohl injektiv als auch surjektiv ist.

Satz: Eine Funktion  besitzt genau dann eine Umkehrfunktion , wenn  bijektiv ist 104.

  • Graphische Tests:

    • Vertikaler Linientest: Eine Kurve ist Graph einer Funktion, wenn jede vertikale Linie sie höchstens einmal schneidet (Eindeutigkeit der Zuordnung )105.

    • Horizontaler Linientest: Eine Funktion ist injektiv, wenn jede horizontale Linie ihren Graphen höchstens einmal schneidet106. Eine Funktion ist bijektiv, wenn sie beide Tests besteht (jede horizontale Linie schneidet genau einmal, falls  in der Bildmenge liegt).

4.3 Finden der Umkehrfunktion

  1. Algebraisch (Auflösen):

    • Schreibe die Funktionsgleichung als .

    • Löse diese Gleichung nach  auf, um  zu erhalten107.

    • Die Umkehrfunktion ist dann  (man benennt die Variable üblicherweise wieder in  um) 108.

    • Beispiel: . Also  109109109109109109109109109.

  2. Operationsumkehr (“Entkleiden”):

    • Analysiere die Reihenfolge der Operationen in .

    • Kehre die Operationen in umgekehrter Reihenfolge um 110110110110110110110110110.

    • Beispiel: .

      • : 1. , 2. , 3.  111.

      • : 1. , 2. , 3.  112.

      • Also  113.

4.4 Definitions- und Wertebereiche von  und 

  • Wenn  bijektiv ist, dann gilt für die Umkehrfunktion  114.

  • Der Definitionsbereich von  ist der Wertebereich (Bildmenge) von .

  • Der Wertebereich (Bildmenge) von  ist der Definitionsbereich von 115115115115.

  • Beispiel: .

    •  116.

    • .

    •  117.

4.5 Umgang mit nicht-bijektiven Funktionen

  • Funktionen, die nicht bijektiv sind (wie ), können oft durch Einschränkung des Definitionsbereichsbijektiv gemacht werden118118118118118118118118118.

  • Beispiel:  ist nicht bijektiv 119.

    • Ast 1:  ist bijektiv 120. Umkehrfunktion  121121121121.

    • Ast 2:  ist bijektiv 122. Umkehrfunktion  123123123123.

4.6 Graphische Beziehung zwischen  und 

  • Wenn der Punkt  auf dem Graphen von  liegt (d.h. ), dann liegt der Punkt  auf dem Graphen von  (da ) 124124124124124124124124124.

  • Die Punkte  und  liegen spiegelsymmetrisch bezüglich der Winkelhalbierenden des 1. und 3. Quadranten (der Geraden )125125125125.

  • Folgerung: Der Graph von  ist das Spiegelbild des Graphen von  an der Geraden 126126126126.