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1. Exponentialfunktionen (Skript 203)

Exponentialfunktionen modellieren Prozesse, bei denen sich eine Größe in gleichen Schritten multiplikativ um denselben Faktor verändert. Dies unterscheidet sie grundlegend von linearen (additive Veränderung) oder Potenzfunktionen (variabler multiplikativer Faktor) 1111.

1.1 Definition

  • Eine Funktion der Form  heißt Exponentialfunktion 2.

    • Basis : .

    • Koeffizient : .

    • Definitionsbereich: .

  • Wichtiger Unterschied zu Potenzfunktionen: Bei Exponentialfunktionen  steht die Variable im Exponenten, bei Potenzfunktionen  steht sie in der Basis 3.

1.2 Charakteristische Eigenschaft

  • Multiplikative Veränderung: Wenn der Input um 1 erhöht wird, wird der Output mit dem Faktor multipliziert:

    4444

  • Wachstum vs. Zerfall:

    • : Der Wert wird bei  vergrößert (exponentielles Wachstum).

    • : Der Wert wird bei  verkleinert (exponentieller Zerfall).

1.3 Grapheigenschaften ( mit )

  • Keine Nullstellen:  ist immer positiv für , daher ist  nie Null5.

  • Positivität:  für alle , wenn .

  • y-Achsenabschnitt: . Der Graph schneidet die y-Achse bei  6.

  • Monotonie:

    • Streng monoton wachsend für 7777.

    • Streng monoton fallend für 8888.

  • Injektivität: Exponentialfunktionen sind injektiv (da streng monoton).

  • Asymptote: Die x-Achse () ist eine horizontale Asymptote.

    • Für  für .

    • Für  für  9.

  • Symmetrie: Die Graphen von  und  sind achsensymmetrisch bezüglich der y-Achse 10101010.

  • Einfluss von : Der Faktor  bewirkt eine Streckung/Stauchung des Graphen von  in y-Richtung11111111.

1.4 Exponentialfunktionen aufstellen

  • Problemstellung: Eine Größe  ver-p-facht sich, wenn  um  erhöht wird. Gesucht ist .

  • Ansatz: .

  • Herleitung der Basis :

    •  12121212.

  • Funktionsgleichung: 13.

    •  ist der Startwert .
  • Beispiele:

    • Bakterien (Verdopplung alle 20 min): . Basis . Funktion  ( in Minuten) 141414141414141414141414141414141414141414141414141414141414141414141414.

    • Radioaktiver Zerfall (Halbierung alle 8 Tage): . Basis . Funktion  ( in Tagen) 151515151515151515.

1.5 Die Eulersche Zahl  und die natürliche Exponentialfunktion 

  • Motivation 1: Stetige Verzinsung: Der Wert  (Kapital nach 1 Jahr bei 100% Zins, -maliger unterjähriger Zinsgutschrift) nähert sich für  einem Grenzwert 16161616.

  • Motivation 2: Wachstum proportional zum Bestand: Die Suche nach der Basis , für die die Funktion  an jeder Stelle  die Steigung  hat, führt ebenfalls auf den Grenzwert von  171717171717171717.

  • Definition: Die Eulersche Zahl ist dieser Grenzwert:

    18181818

  • Natürliche Exponentialfunktion: .

  • Eigenschaften von :

    • Irrational:  kann nicht als Bruch  geschrieben werden 19191919.

    • Transzendent:  ist keine Lösung einer Polynomgleichung mit ganzzahligen Koeffizienten 20202020.

  • Wachstumsvergleich:  wächst für  schneller als jede Potenzfunktion  (für festes ) 21212121. Formal:  22.

1.6 Die Form 

  • Äquivalenz: Jede Exponentialfunktion  kann auch als  geschrieben werden (und umgekehrt), wobei  bzw.  23.

  • Vorteil: Der Parameter  repräsentiert die relative Wachstumsrate. Wenn  die momentane Änderungsrate (Steigung) ist, dann gilt für  24242424.  gibt an, welcher Bruchteil des aktuellen Bestands pro Zeiteinheit hinzukommt (bei ) oder wegfällt (bei ).

  • Anwendungen in Naturwissenschaften: Diese Form wird oft bevorzugt, wenn Wachstums- oder Zerfallsraten im Vordergrund stehen25252525. Beispiele:

    • Radioaktiver Zerfall:  ( ist die Zerfallskonstante) 26.

    • Kondensatorentladung:  27.

    • Barometrische Höhenformel:  28.

    • Strahlungsabsorption:  ( ist der Absorptionskoeffizient) 29.


2. Logarithmen (Skript 204)

Logarithmen sind die Umkehroperation zur Exponentiation und wurden historisch eingeführt, um Berechnungen zu vereinfachen.

2.1 Motivation: Napier und Briggs

  • Idee: Multiplikation/Division durch Addition/Subtraktion ersetzen 30.

  • Grundlage: Potenzgesetz  31.

  • Logarithmus: Der Exponent , zu dem eine Basis  potenziert werden muss, um eine Zahl  zu erhalten ()32323232.

  • Verfahren (Multiplikation ):

    1. Finde  und  (aus Tabellen 33).

    2. Addiere die Logarithmen: .

    3. Finde die Zahl (Numerus), deren Logarithmus  ist: . Das ist das Ergebnis  34343434.

2.2 Definition

  • Logarithmus von  zur Basis :  ist diejenige reelle Zahl , für die  gilt 35353535.

    • Bedingungen:  (Argument),  (Basis)36363636.
  • Spezielle Notationen:

    • Zehnerlogarithmus:  oder 37373737.

    • Natürlicher Logarithmus: 38383838.

    • Binärlogarithmus: 39393939.

  • Wichtiger Wert:  für jede Basis , da 40404040.

2.3 Triviale Identitäten

Diese folgen direkt aus der Definition :

  • Identität I: 41414141.

  • Identität II: 42424242.

2.4 Logarithmusgesetze

Diese sind direkte “Übersetzungen” der Potenzgesetze in die Sprache der Logarithmen (Exponenten). Für :

  • (L1) Produktregel:  43.

    • Herleitung: Aus . Logarithmieren beider Seiten ergibt  44.
  • (L2) Quotientenregel:  45.

    • Herleitung: Aus .
  • (L3) Potenzregel:  (für ) 46.

    • Herleitung: Aus . Logarithmieren ergibt  47.
  • Spezialfälle von L3:

    • 48484848.

    • 49494949.

2.5 Lösen von Exponentialgleichungen

Logarithmusgesetz L3 ist der “Nussknacker” 50505050.

  • Strategie: Logarithmiere beide Seiten der Gleichung (zu einer beliebigen, passenden Basis). Das Gesetz L3 erlaubt es, die Variable aus dem Exponenten “herunterzuholen”.

  • Beispiel 1: .

    •  51515151.

  • Beispiel 2: .

    •  (Basis 2 gewählt)52.

    •  53.

    • .

    • Dies ist eine lineare Gleichung für , die gelöst werden kann 54.

  • Anwendung Dopingkontrolle: . Gesucht  für .

    •  55.

2.6 Basisumrechnung

Um  (unbequeme Basis ) mit einer bequemen Basis  (z.B. 10, e, 2) zu berechnen:

  • Formel:

    56565656

  • Herleitung:

    • Sei . Dann ist .

    • Logarithmiere beide Seiten zur Basis .

    • Wende L3 an: .

    • Löse nach  auf:  57.

2.7 Graph der Logarithmusfunktion 

  • Definitionsbereich:  (nur positive Zahlen haben Logarithmen).

  • Nullstelle: Bei , da .

  • Vertikale Asymptote: Die y-Achse ().

  • Monotonie:

    • Streng monoton wachsend für .

    • Streng monoton fallend für .

  • Verlauf: Geht durch , etc. 58.

  • Einfluss der Basis  (): Je größer die Basis , desto flacher verläuft der Graph für  und desto steiler für  59595959.


3. Exponential- und Logarithmusfunktionen als Inverse (Skript 204)

3.1 Bijektivität

  • Logarithmusfunktionen  sind bijektiv 60:

    • Injektiv: Da streng monoton 61.

    • Surjektiv: Jede reelle Zahl  wird als Funktionswert angenommen (nämlich für ) 62.

  • Exponentialfunktionen  sind ebenfalls bijektiv.

3.2 Die Umkehrbeziehung

  • Die Logarithmusfunktion zur Basis , ist die Umkehrfunktion der Exponentialfunktion zur Basis , und umgekehrt 63636363.

  • Dies drückt sich in den “trivialen Identitäten” aus:

    • .

    • .

3.3 Graphische Symmetrie

  • Die Graphen einer Funktion  und ihrer Umkehrfunktion  sind spiegelsymmetrisch bezüglich der Winkelhalbierenden des 1. und 3. Quadranten (der Geraden ) 64.

  • Dies gilt insbesondere für  und 65656565. Wenn  auf dem Graphen von liegt (), dann liegt  auf dem Graphen von  (weil ).