202_skript_trigonometrie.pdf

1. Einführung und Motivation (Skript 202)

1.1 Bedeutung

  • Trigonometrische Funktionen sind essentiell zur Beschreibung von Wellen und Schwingungen 1, die in vielen Bereichen auftreten: Akustik (Schall), Optik (Licht), Mechanik (Pendel, Federn), Elektrotechnik (Wechselstrom), Astronomie 222222222.

1.2 Winkelmaße: Gradmaß vs. Bogenmaß (Radiant)

  • Gradmaß (): Historisch, teilt den Vollkreis willkürlich in  3. Unpraktisch für höhere Mathematik4.

  • Bogenmaß (Radiant, rad): Definiert den Winkel  über die Länge des Kreisbogens  im Einheitskreis (Radius ) 5. Dies ist das natürliche Maß in der Analysis.

    • Einheit: rad (oft weggelassen).
  • Umrechnung: Da dem Umfang im Einheitskreis entsprechen6, gilt:

    7

  • Wichtige Werte:

    •  rad

    •  rad

    •  rad

    •  rad


2. Definition der Trigonometrischen Funktionen (Skript 202)

Die Definition erfolgt am Einheitskreis (Kreis mit Radius 1 um den Ursprung).

  • Ein Punkt  bewegt sich auf dem Einheitskreis.

  • Der Winkel  wird von der positiven x-Achse aus gegen den Uhrzeigersinn (mathematisch positiv) gemessen8888. Winkel  oder negative Winkel (im Uhrzeigersinn) sind möglich 9.

Definitionen: Für einen Winkel , sei  der zugehörige Punkt auf dem Einheitskreis. Dann ist 10:

  • Sinus:  (Die y-Koordinate des Punktes P).

  • Cosinus:  (Die x-Koordinate des Punktes P).

  • Tangens: 

    • Definitionslücken:  (weil  wäre).
  • Cotangens: 

    • Definitionslücken:  (weil  wäre).

3. Graphen und Eigenschaften (Skript 202)

3.1 Sinus- und Cosinusfunktion

  • Graph: Beide Funktionen erzeugen die bekannte Sinuskurve (Sinusoid).

    •  startet bei .

    •  startet bei . Der Cosinusgraph ist gegenüber dem Sinusgraphen um  nach links verschoben ().

  • Wertebereich:  für beide11.

  • Periodizität: Beide sind periodisch mit der **Periode **12. D.h.  und .

  • Verhalten für kleine Winkel  (im Bogenmaß):

    •  (aber  für )13.
  • Symmetrie:

    • Sinus ist ungerade (punktsymmetrisch zum Ursprung): 14.

    • Cosinus ist gerade (achsensymmetrisch zur y-Achse): 15.

3.2 Tangens- und Cotangensfunktion

  • Graph (Tangens):

    • Nullstellen bei .

    • Vertikale Asymptoten bei 16.

  • Wertebereich:  für beide.

  • Periodizität: Beide sind periodisch mit der **Periode **17. D.h.  und .

  • Verhalten für kleine Winkel  (im Bogenmaß):

    •  (aber  für )18.
  • Symmetrie:

    • Tangens ist ungerade: 19.

    • Cotangens ist ungerade: 20.

3.3 Einige spezielle Funktionswerte

Herleitbar durch elementare Geometrie am Einheitskreis (z.B. für ).

Winkel (α)0∘(0)30∘(π/6)45∘(π/4)60∘(π/3)90∘(π/2)
01
10
01undef.
undef.10

4. Umkehrfunktionen (Arcus-Funktionen) (Skript 109, 202)

Da die trigonometrischen Funktionen periodisch und somit nicht bijektiv (nicht injektiv) sind 22, muss ihr Definitionsbereich eingeschränkt werden, um eine eindeutige Umkehrfunktion definieren zu können23.

  • Arcussinus ( oder ):

    • Einschränkung von  auf 24.

    • .

    •  ist der eindeutige Winkel , für den  gilt25.

  • Arcuscosinus ( oder ):

    • Einschränkung von  auf 26.

    • .

    •  ist der eindeutige Winkel , für den  gilt27.

  • Arcustangens ( oder ):

    • Einschränkung von  auf .

    • .

    •  ist der eindeutige Winkel , für den  gilt29.

4.1 Lösen trigonometrischer Gleichungen (z.B. )

  1. Finde eine Lösung : Mit der passenden Arcus-Funktion (z.B. ) 30. Dies liefert die Lösung im Hauptintervall.

  2. Finde ggf. eine zweite Lösung  im Basisintervall : Nutze Symmetrien am Einheitskreis oder Graphen 31.

    • Für .

    • Für  (oder ).

    • Für : Keine zweite Lösung im Intervall der Länge .

  3. Addiere alle Vielfachen der Periode: Um alle Lösungen zu erhalten, addiere  (wobei  die Periode ist) zu den Basislösungen 32.

    • Für  33.

    • Für .

    • Für .


5. Fundamentale Beziehungen und Formeln (Skript 202)

Viele Beziehungen ergeben sich direkt aus der Definition am Einheitskreis.

5.1 Trigonometrischer Pythagoras

Aus (Gleichung des Einheitskreises) und , folgt:

34

Notation: bedeutet .

5.2 Quotient- und Kehrwertbeziehungen

5.3 Symmetrien und Verschiebungen

Diese folgen direkt aus der Betrachtung entsprechender Winkel am Einheitskreis:

  • Negative Winkel: .

  • Phasenverschiebung um : .

  • Supplementärwinkel: .

5.4 Additionstheoreme

Ermöglichen die Berechnung von Funktionswerten für Summen/Differenzen von Winkeln 43.

44

5.5 Doppel-, Halbe- und Dreifachwinkelformeln

Folgen aus den Additionstheoremen (z.B. ).

  •  46

  •  47

  •  48

  •  49


6. Trigonometrie im Dreieck (Skript 202)

Die Verbindung zwischen den am Einheitskreis definierten Funktionen und der Geometrie von Dreiecken.

6.1 Rechtwinkliges Dreieck

Sei  einer der spitzen Winkel.

  • Hypotenuse (HYP): Seite gegenüber dem rechten Winkel.

  • Ankathete (AK): Kathete, die am Winkel  anliegt.

  • Gegenkathete (GK): Kathete, die dem Winkel  gegenüberliegt.

Durch Ähnlichkeit des Dreiecks zum entsprechenden Dreieck im Einheitskreis ergeben sich die fundamentalen Beziehungen 50505050:

51

6.2 Allgemeines Dreieck

Für beliebige Dreiecke gelten Sinus- und Cosinussatz. Sie erweitern die Berechnungen auf nicht-rechtwinklige Fälle.

  • Sinussatz: Stellt eine Beziehung zwischen Seiten und den Sinuswerten der gegenüberliegenden Winkel her 52525252.

    oder äquivalent:

    Anwendung: Bei gegebenen Winkel-Gegenseite-Paaren (WSW, SsW).

  • Cosinussatz: Verallgemeinert den Satz des Pythagoras 535353535353535353.

    54Der Korrekturterm wird 0, wenn (), womit man den Pythagoras erhält 55.

    Anwendung: Bei gegebenen drei Seiten (SSS) oder zwei Seiten und dem eingeschlossenen Winkel (SWS) 56.


7. Harmonische Schwingungen (Skript 202)

Modellierung realer Schwingungsprozesse durch Modifikation der Basis-Sinus/Cosinus-Funktion.

Allgemeine Form:

57

oder alternativ .

  • : Amplitude

    • Maximaler Ausschlag der Schwingung aus der Ruhelage 58.

    •  beeinflusst die Lautstärke eines Tons59.

  • : Kreisfrequenz (Winkelgeschwindigkeit)

    • Gibt an, welcher Winkel pro Zeiteinheit im Einheitskreis überstrichen wird 60. .

    • Beziehung zur Periode 61.

    • Großes  schnelle Schwingung, kleine Periode.  beeinflusst die Tonhöhe62.

  • : Periode (Schwingungsdauer)

    • Zeit für einen vollständigen Schwingungsdurchlauf 63. 64.
  • : Frequenz

    • Anzahl der Schwingungen pro Zeiteinheit65.

    • 66666666. Einheit: Hertz (Hz = ).

  • : Phasenverschiebung (Nullphasenwinkel)

    • Bestimmt den Startpunkt der Schwingung bei  67.

    •  verschiebt den Graphen horizontal.

    • : Verschiebung nach links 68686868.

    • : Verschiebung nach rechts69.